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Predigt von Pfarrer Josef Wirth zum Jubiläum 50 Jahre Corpus-Domini-Kirche Mömlingen –

1. Motivation

Die Thematik Gemeinde und ihr Leiter, der Pfarrer, ist nicht nur bei Euch hier in Mömlingen höchst aktuell wegen der Bildung einer größeren Seelsorgeeinheit als Pfarreiengemeinschaft. Die ganze Diözese wurde – wie in anderen Diözesen auch – in solche seelsorgliche Großräume aufgeteilt.

Das war schon seit längerer Zeit zu befürchten. Erinnern Sie sich noch an eine unserer Pfarrversammlungen im Februar 1972 mit dem Thema: „1980 nur noch ein halber Pfarrer für Mömlingen“ mit der entsprechenden Strichzeichnung auf der Einladung? Ich sehe noch heute die ungläubigen Gesichter von damals vor mir.

 2. Fragestellung

Fragen wir uns also: Was ist von dieser Problematik zu halten? – wie viele Pfarrer braucht die Diözese? – Sollte nicht jede Gemeinde ihren Pfarrer haben? – Aber wie groß sollte aus praktischen Gründen denn eine Gemeinde sein?

3. Trial and error

Eines sei gleich zu Beginn vermerkt: Verändert hat sich die Seelsorge zu allen Zeiten. Was gewöhnlich mit der Floskel „das war schon immer so“ abgetan wird, kann sich meist nur auf die Erfahrung einer Lebensspanne stützen. Noch in meiner Kaplanszeit erzählten ältere Geistliche, dass in ihrer Studienzeit Interessenten für den Priesterberuf abgewiesen wurden mit der Begründung, der Bedarf an Pfarrern sei mehr als gedeckt. Geschichtlichen Wandel gab es immer in der Kirche – aber immer gleich bleibt der Auftrag, den Gott seiner Kirche durch Jesus Christus anvertraut hat. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden indem sie in Verbindung mit Gott leben.

Was ist von der heutigen Zusammenlegung von Pfarreien zu Pfarreiengemeinschaften mit einem einzigen geistlichen Leiter auf dem Papier zu halten? Kann die Kirche so den ihr von Gott übertragenen Dienst für das Heil und die Erlösung der Menschen insgesamt, nicht nur der Katholiken, unter den heutigen Verhältnissen auch nur einigermaßen erfüllen? Sind dadurch unsere Gemeinden gläubiger auf dem Weg des Heiles mit und durch Jesus Christus – als wohlgeordnetes Volk, funktionstüchtig – als die eine, heilige, katholische, apostolische Kirche?

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke hat leider recht, wenn er im Hirtenschreiben der deutschen Bischöfe 2000 meint: „Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt etwas. Es ist nicht das Geld. Es sind auch nicht die Gläubigen. Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können". In dieser schwierigen Lage der Kirche beginnt leider keine innere, keine missionarische Reform. Stattdessen verwaltet man nur den Mangel und will mit Umorganisieren gegensteuern. Das Volk Gottes hat die Konsequenzen zu tragen und staunt erschrocken. Der Hauptgrund für die Bildung von Pfarreiengemeinschaften ist neben dem demographischen Wandel, neben Kirchenaustritten, Desinteresse und Geld vor allem der Priestermangel. Es ist aber absolut unbiblisch und gegen alle kirchen- und missionsgeschichtlichen Erfahrungen, dass christliche Gemeinden nur entstehen wo Priester sind oder aufgelöst werden, wenn Priester fehlen.

 4. Lösung

Denn eines dürfen wir bei allen Fragen und Problemen, die sich um die Kirche drehen, nicht vergessen: Gott ist es, der sein Volk zusammenruft rings auf dem Erdenrund – Gott selbst ist es, der lange bevor wir etwas tun können, alle Menschen begabt und befähigt, dass sie ihn suchen, dass sie in Gemeinschaft leben und Gemeinden mit aufbauen können. Als gläubige, gottverbundene Menschen haben wir wach darauf zu achten, wie Gott heute sein Volk zusammenrufen will, unter den heutigen Lebensbedingungen in unserem Land, in unserer Gemeinde. Darauf zu achten, geht nicht nur Bischöfe und Pfarrer oder die kirchlichen Planungsstäbe etwas an.

Denn die Kirche lehrt: All jene, die durch das Evangeliums zum Glauben an den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus kommen, all jene, die durch das Sakrament der Taufe vollberechtigte Glieder am Leibe Christi geworden sind, haben auch teil am königlichen Priestertum Jesu Christi. Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen gehört zur unbestreitbaren Lehre der Kirche. Alle Getauften – Männer wie Frauen - sind somit von Gott selbst zu Priestern berufen, auserwählt, geheiligt, geweiht. Sie sind „das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk“ (1 Petr 2, 9f).

Leider wurde diese in der Hl. Schrift bezeugte und durch das 2. Vatikanum erneut herausgehobene Lehre in letzter Zeit wieder verdunkelt und in Frage gestellt durch ein vatikanisches Hin-und-her-schwanken. In zentralistischer, »konservativer« Manier hat man versucht, den Priester wieder als eigenen kirchlichen Stand, als Objekt religiöser Verehrung, als kultischen Heilsmittler zu betonen, und so die innerkirchliche Trennung von Priester und Laien neu zu vertiefen.

Überall können Gemeinden entstehen, erzählt die Apostelgeschichte: „In jeder Gemeinde bestellten sie (die Apostel) durch Handauflegung Älteste und empfahlen sie mit Gebet und Fasten dem Herrn, an den sie glaubten" (Apg 14,23). Mehrmals werden beauftragte, gewählte, charismatische, berufene Leiter erwähnt: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer (vgl. Eph 4,11). Es dauerte in der jungen Kirche einige Zeit, bis die verschiedenen Ämter und Dienste genau definiert und strukturiert waren, wie wir sie heute kennen.

Erst vom vierten Jahrhundert an blieben die drei in der Kirche bis heute sakramental begründeten Ämter maßgebend: die Bischöfe, Priester und Diakone. Als Ergänzung dazu entstanden die Orden als arme und machtlose Lebensgemeinschaften. Benedikt und Franziskus waren weder Bischöfe, Priester oder Diakone. Sie blieben Laien; und als solche verlebendigten, ja reformierten sie die Kirche, wie wir bei Katharina von Siena oder Teresa von Avila sehen.

Vor 50 Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil gegen die Überbetonung der Hierarchie klargestellt: Die Kirche, das sind nicht zuerst der Papst, die Bischöfe und die Priester; alle Getauften sind „das auserwählte, priesterliche, königliche, prophetische Volk Gottes“ (1 Petr 2,9). Alle Christen, aller Berufe und Altersschichten, ob Männer oder Frauen, sind die Kirche, auch wenn für die Leitung nur die Bischöfe und Priester verantwortlich sind.

Das heißt im Gegenzug aber auch: Wer ausschließlich diese Verantwortung der Leitung hat, muss sie auch wahrnehmen und muss die notwendigen Entscheidungen treffen. Es ist nicht damit getan, einfach zu sagen: Wir haben leider immer weniger Priester als Gemeindeleiter; also vergrößern wir die Seelsorgsbereiche, legen zusammen bis zum Gehtnichtmehr.

Wo bleibt bei solchen Planungen die Wertschätzung der gläubigen Gemeinschaften? Bevor der Pfarrer in Aktion treten kann, waren doch andere schon längst am Werk: die Eltern, die durch das Sakrament der Ehe einander in ihre priesterliche Aufgabe eingesetzt haben, indem sie „vor Gottes Angesicht“ einander treue Liebe zum Dienst am Leben versprochen, und in guten wie in schweren Zeiten auch gehalten haben. Welch einen unschätzbaren Wert hat dieser priesterliche, königliche (fürsorgende) und prophetische Dienst der Eltern im Vergleich zu unserem priesterlichen Dienst als Leiter der Gemeinde! Darf man bei Entscheidungen über die Zukunft christlichen Lebens in unserem Land all die Liebe und Treue, die zur Geburt der Kinder führt, zur Entscheidung für die Taufe, darf man alles Gebet und Segnen der Eltern, alle christliche Erziehung einfach übergehen, und  so tun, als ob christliches Leben allein an den Pfarrern hinge?

Die Gemeinde, im Bewusstsein des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen (den Pfarrer eingeschlossen), ist die Grundlage, ist der Raum gemeinsamen christlichen Lebens. Das Amt hat dieser Gemeinde zu dienen. Der Schlussstein aber ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten. Auch wenn christliche Familien weniger werden, sie sind und bleiben die Grundlage einer kirchlichen Gemeinde. Papst Johannes Paul II. schrieb 1981 in seinem Rundschreiben „Familiaris Consortio" dazu: „Die christlichen Ehegatten und Eltern haben Kraft des Sakramentes in ihrem Lebensstand und in ihrem Wirkbereich ihre besondere Gabe im Gottesvolk. Sie empfangen nicht nur die Liebe Christi und werden dadurch eine erlöste Gemeinschaft. Sie sind auch dazu berufen, diese Liebe Christi an die Mitmenschen weiterzugeben und so auch eine erlösende Gemeinschaft zu werden."

Das Leben, ja gerade das kirchliche Leben besteht wesentlich aus personalen Beziehungen - und nicht aus Massenstrukturen. Da wo man einander kennt, können die Basisaufgaben des gemeinsamen Lebens vor Ort beraten, entschieden und praktiziert werden. Aus solchen Überlegungen haben wir als erste in der Diözese 1966 den Pfarrgemeinderat gebildet, der richtungweisend für andere Gemeinden und Diözesen (wenn dann auch ängstlich eingeschränkt) wurde. Die neu gebildeten Pfarreiengemeinschaften mögen für Verwaltungsaufgaben notwendig sein; sie mögen nützlich sein für Beratungs- und Bildungsaufgaben, für die Vernetzung der kleinen Einheiten. Aber das Leben der Christen spielt sich an der Basis, im Alltag, in den menschlichen Lebensräumen ab. Christliches Leben muss mit dem Kinderwagen und mit dem Rollator erreichbar und erlebbar sein.

Brauchen auch solche Gemeinden eine Leitung? Sind sie auf das sonntägliche Herrenmahl angewiesen, auf die Feier der Eucharistie, wenn diese – wie das 2. Vatikanum betont - der Dreh- und Angelpunkt christlicher Existenz ist? Wenn bis heute die Maßstäbe und Kennzeichen einer christlichen Gemeinde gelten, wie sie die Apostelgeschichte (2,42) beschreibt: Glaube, Gemeinschaft im Brotbrechen und Gebet, dann ist das eine überflüssige Frage. Muss das unbedingt ein Amtspriester nach heutigem Zuschnitt sein? Darüber lohnt es sich nicht nur im Dialogprozess der Diözese zu reden; dafür lohnt es sich mit aller Kraft zu streiten, denn es geht um unsere gemeinsame Berufung als Christen. Die lassen wir uns nicht verwässern.

 Bilder vom Gottesdienst unter Bildergalerie.

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