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Predigt von Pfarrer Norbert Geiger zum Jubiläum in Mömlingen –

Jesus und die Sünderin - Zum Sonntagsevangelium Lukas 7, 36-50

„Die Sünderin“, so lautete der Titel eines Films mit Hildegard Knef Anfang der 50er Jahre. Ich habe den Film nie gesehen; wahrscheinlich würde er heute auch im Fernsehen nicht mehr gezeigt werden, weil er vermutlich viel zu langweilig wäre. Und doch sind damals Menschen in Massen in die Kinos gestürzt, und die Pfarrer haben von den Kanzeln gewettert – warum? Weil für ein paar Sekunden die Schauspielerin hüllenlos in ihrer Gartenliege oder in einer Hängematte gezeigt wurde. Zum ersten Mal eine nackte Frau auf der Kinoleinwand, das musste man gesehen haben.

Frauen, Liebe und Sex, das waren zu allen Zeiten reißerische Themen in der Literatur und in der bildenden Kunst. Kaum ein Roman, in dem dieses Thema Nr. 1 nicht irgendwie vorkommt, kaum ein Theaterstück oder ein Film, wo dieses heute so Menschliche nicht vorkommt.

Wenn es unter den vier Evangelisten einen gibt, der keine Scheu davor hat, auch solche Tabu-Themen anzuschneiden, dann ist es unser Lukas. Bei ihm wimmelt es geradezu von Sündern und Sünderinnen. Den Anfang machen die Hirten auf den Feldern von Bethlehem. Sie galten bei den guten Bürgern damals als Abschaum der Gesellschaft – und ausgerechnet sie sind die ersten Zeugen von der Menschwerdung Gottes.

Später beruft er Levi, einen Zöllner in seinen engsten Jüngerkreis und pfui, dann setzt er sich auch noch mit dem ganzen Zöllnergesindel an einen Tisch zum Essen. Auch den barmherzigen Samariter, einen, mit dem doch kein anständiger Jude etwas zu tun haben will, den stellt er als Beispiel für rechtes Handeln vor.

Die wirklich Frommen aber, die Pharisäer und die Gesetzeslehrer, die sich redlich bemühen, den Buchstaben des Gesetzes zu erfüllen, die beschimpft er immer wieder nach Strich und Faden. Auch den verlorenen Sohn, der sein ganzes Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, so sagt zumindest sein älterer Bruder, dem lässt bei Lukas der Vater ein grandioses Fest bereiten, als er wieder heimkehrt. Noch eine ganze Menge anderer Beispiele ließen sich anführen, die zeigen, wie Lukas eine Schwäche dafür hat, Jesus als den Heiland besonders der Außenseiter und der Sünder darzustellen, bis hin zu seiner letzten Stunde am Kreuz, wo Jesus dem Verbrecher, der neben ihm hängt, noch zusichert: „Wahrlich , ich sage dir: heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Nur Lukas überliefert uns dieses Wort.

 Kein Wunder, dass so manche Frommen bis heute ihre Schwierigkeiten mit dem Lukas-Evangelium haben. Auf dem Volksfest gab es früher ein Gerät, einen Kraftmesser, auf den man mit aller Gewalt schlagen sollte und der dann anzeigte, wie stark einer ist. „Hau den Lukas!“, hieß das Gerät.

Das Thema Nummer Eins wird auch heute bei dem Gastmahl lebendig, das Lukas uns schildert. Und zwar höchst konkret in Gestalt einer stadtbekannten Edelhure, die zu Jesus kommt. In der Art und Weise, wie sie mit Männern Kontakt aufnimmt, beginnt sie auch bei Jesus: die Berührung mit den Haaren, das Küssen und das Eincremen gehören dazu. Die Tränen, die sie vergießt, sind vieldeutig. Sie sagt nichts dabei. Sie liebt Jesus. Er verbietet es nicht, er wertet ihr Tun als Liebe. Er akzeptiert sie so, wie sie ist. Und vor allem so, wie sie liebt. Er fragt nicht nach ihren Motiven, warum sie zu ihm kommt und warum sie ihn liebt.

Wahrscheinlich sind ja auch unsere Motive, weshalb wir heute und so oft am Sonntag zu ihm kommen, sehr unterschiedlich. Ob es bei jedem von uns die reine Gottesliebe ist? Wohl kaum. Den reinen Glauben und die reine Liebe haben vermutlich die wenigsten. Das ist schon das erste Tröstliche an dieser Geschichte: Jesus akzeptiert auch unsere gemischten Gefühle. Er lässt die Frau tun, was sie vorhat. Der Glaube muss nicht immer perfekt sein, aber er kann wachsen – und unsere Liebe auch.

Ein zweites, was mir auffällt: Warum eigentlich weinte die Frau? Weinte sie wegen ihrer sündigen Lebensweise? Sind ihre Tränen Zeichen ihrer Reue? Von Reue lesen wir eigentlich nichts. Vielmehr passen Streicheln, Küssen, Salben und Kontakt mit den Haaren recht gut zu einem nicht ganz koscheren Liebeserweis. Und die Tränen passen durchaus auch in den Rahmen. Frauen sind bekanntlich leichter zu Tränen gerührt als Männer, denen es in der Kindheit abgewöhnt worden ist, zu weinen. Ein Mann weint nicht, basta!

Aber im Zentrum der ganzen Geschichte steht, alles überragend, die Vergebung durch den Herrn. Wer zu Jesus kommt, wer ihm begegnen will, der darf wissen: Er nimmt mich an, so wie ich bin. Jesus schenkt jedem, der es wünscht und der sich danach sehnt, dass er heil wird, Heil an Leib und Seele. Und jeder, der ihn liebt, egal aus welchen Motiven er es tut, der wird von ihm angesehen, aufgenommen und schließlich verwandelt.

Im Zentrum unseres Evangeliums, in dem so viel von Liebe die Rede ist, steht bei Lukas immer wieder ER, der Herr, der Sünden vergibt.

In späteren Zeiten haben Theologen die Frau, von der heute im Evangelium die Rede ist, mit Maria, der Schwester von Marta und Lazarus identifiziert – und weil sie nun schon Maria hieß, hat man sie dann auch mit Maria Magdalena gleichgesetzt und die ist damit dann flugs zur Sünderin mutiert. Ich finde das unfair.

Die Frau, von der wir heute hörten, bleibt bei Lukas ohne Namen. Sie ist einfach ein Mensch, der liebt und sich nach Liebe sehnt, so wie jeder von uns. Und damit zeigt sie uns, wie gut es ist und wie gut es doch auch uns tut, wenn wir uns von IHM angenommen wissen. Die wenigsten von uns – wenn überhaupt einer – gehören zu den Außenseitern der Gesellschaft, so wie damals die verachteten Hirten oder die Zöllner. Kaum einer wird so ein Schwerenöter sein, der sein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat oder sonst ein Missetäter. Und wenn es so wäre: ER nimmt jeden an, der mit einem Herzen voll Vertrauen zu ihm kommt.

Ich glaube, wenn ich Gefängnispfarrer wäre, ich würde meinen Klienten immer wieder Geschichten aus dem Lukasevangelium vorlesen, um ihnen Mut zu machen und ihnen zu sagen: Kopf hoch! Auch Dein Leben hat Zukunft!

 (Bilder vom Gottesdienst und der Begegnung im Clubraum finden Sie in der Bildergalerie.)

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